Suchst du noch, oder wohnst du schon? In Darmstadt sind gerade unzählige Studien-Anfänger auf der Suche nach einer Bleibe. Viele von ihnen werden vergeblich suchen, denn in Darmstadt gibt es für Studenten viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Dementsprechend schwierig war es, sich für meine WG für gleich zwei neue Mitbewohner zu entscheiden. Die Bewerber versuchten mich mit Fotos, Bestechungs-Geschenken und Flehen zu überzeugen.
An einem Freitag stellte ich meine Suchanzeige online. Vier Tage später hatte ich etwa 50 Anfragen im Postfach. Hilfe!
Also erstmal grob sortieren. Gleich raus waren Bewerber, die nur ganz kurz schrieben oder vergessen hatten meinen Namen in die Begrüßung einzusetzen. Kopieren ist legitim, aber man sollte vielleicht doch zusehen, dass man eine Mirca nicht mit “Hallo Stefan” begrüßt
Dann lud ich die 15 sympathischsten Leute zum Besichtigen ein. Großzügig plante ich immer mindestens eine Stunde Abstand zwischen den Terminen ein. Es sollte genug Zeit für ein Gespräch bleiben und mir war noch sehr gruselig ein Besichtigungs-Termin in Erinnerung, bei dem ich vor einem Jahr auf eine Party kam. Ansage: “Wer am längsten bleibt, darf einziehen!”
Dann ging es los. Die erste Kandidatin fragte mich erstmal nach zehntausend Vertrags-Details. Ich dachte: “Mensch, versuch doch erstmal mich kennen zu lernen, schließlich willst du mit mir zusammenwohnen und nicht mit dem Vertrag!”
Der nächste Bewerber drückte mir sofort ein Geschenk in die Hand. Eine hübsche Tasse aus Tübingen, wo er bis dato noch wohnte. Ich nahm mir fest vor, mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Aber nett war’s schon…

Auf den dritten wartete ich vergeblich. Drei Stunden nach dem geplatzten Termin schickte er eine Mail: “Sorry, hatte Stress mit meinem Chef und konnte deshalb nicht kommen.” Ich ärgerte mich trotzdem, schließlich hätte ich meine Zeit auch schöner verbringen können, als mit sinnlos auf ihn warten. Das ist mit Sicherheit auch ein Grund, weshalb viele WG-Anbieter die Besichtigungen abbrechen, sobald sie jemand passendes gefunden haben. Die Termin-Koordination ist zeitraubend und es ist wirklich blöd, wenn man bei schönstem Sonnenschein ins Schwimmbad könnte, der Hinderungsgrund dann aber nicht auftaucht.
Die vierte Bewerberin war super-nett. Allerdings hatte sie als künftiger Ersti noch keine Idee, wie sie ihr Studium und die Wohnung finanzieren sollte. Da konnte ich einfach nicht ruhigen Gewissens zusagen.
Nach Tag II und sieben Besichtigungen machten meine Stimmbänder schlapp. Es war nur noch so ein heiseres Krächzen möglich. Also gab’s von da an Tee statt Kaffee zu den Gesprächen. Das Wunder geschah an Tag III. Mitbewohnerin Nummer 1 gefunden. Und es war tatsächlich so: Es passte einfach. Mein Bauchgefühl jubilierte quasi.
Parallel dazu kamen immer mehr Anfragen. Da ich in der Anzeige geschrieben hatte, dass ich die Wohnung mit meinen künftigen Mitbewohnern gerne etwas farbiger gestalten würde, bekam ich sogar Fotos von Wandgestaltungen geschickt.

Auch nett. Machte es nicht einfacher, sich zu entscheiden. Tagelang grübelte ich, wie meine zukünftige WG aussehen sollte. Laut-lustige Mädels-WG? Eher ruhige Misch-WG mit Leuten nur über 25? Multikulti-WG mit Student aus dem Ausland?
Schließlich entschieden Mitbewohnerin 1 und ich uns für den Bewerber, der die schöne Tasse mitgebracht hatte. Bestechungs-Geschenke funktionieren also möglicherweise…
Wär ja aber auch zu schade, wenn er gar nichts mehr von seinem Geschenk gehabt hätte.
Der Termin für die Kennenlern-Party wird noch bekanntgegeben
PS: Die Stadt Darmstadt versucht immerhin, mehr Wohnraum für Studenten zu schaffen. An der Rheinstraße wird zum Beispiel bald ein neues Wohnheim eröffnet. Aber mal ehrlich, die Zimmer da sind zu teuer! 400 Euro aufwärts, welcher Student soll das bezahlen können?